GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz verschärft Mangel
Zum Auftakt des 130. Deutschen Ärztetags in Hannover warnt der Berufsverband der Deutschen Urologie vor Vernachlässigung der fachärztlichen Weiterbildung. Politische Weichenstellungen zur Ambulantisierung auf Grundlage des im IGES Gutachten 2022 dargestellten Ambulantisie-rungspotenzials, wie die Ausweitung des AOP-Katalogs (§ 115b SGB V), die Einführung der Hybrid-DRG sowie die Auswirkungen der Krankenhausreformgesetze (KHVVG+KHAG) haben das Ziel, zunehmend urologische Leistungen in den ambulanten Bereich zu verlagern. Hier findet zum jetzigen Zeitpunkt jedoch nur ein geringerer Anteil der Weiterbildung statt. Aktuell stehen durch das GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz drastische Vergütungskürzungen in der ambulanten und stationären Versorgung an. Weiterhin fehlen bislang tragfähige Konzepte zur kostendeckenden und unabhängigen Sicherung der ärztlichen Weiterbildung – stationär wie ambulant -.
Ambulantisierung ohne fachärztliche Weiterbildung? Funktioniert nicht!
„Die Ambulantisierung verändert aktuell die urologische Versorgung tiefgreifend. Weiterbildung darf dabei nicht zum blinden Fleck der Gesundheitspolitik werden“, erklärt Mira Faßbach, Schriftführerin des BvDU. „Wer Leistungen aus den Kliniken verlagert, muss gleichzeitig sicher-stellen, dass die Weiterbildungskapazitäten erhalten bleiben.“
Zum einen gehen stationäre Weiterbildungskapazitäten zunehmend verloren. Die Krankenhausreform führt durch Leistungsgruppenzuweisungen zu Zentrenbildung und Standortschließungen.
Zum anderen ist die ambulante Weiterbildung chronisch unterfinanziert und strukturell eingeschränkt. Im Zuge voranschreitender Ambulantisierung wird urologische Leistungserbringung zunehmend ambulant abgebildet. Einige Fach- und damit Weiterbildungsinhalte finden zukünftig im Krankenhaus gar nicht mehr statt oder sind bereits heute überwiegend im ambulanten Bereich verankert.
Strukturiertes Weiterbildungscurriculum (WECU) in der Urologie: Blaupause für intersektorale Weiterbildung
Das gemeinsam von DGU, BvDU und GeSRU entwickelte Weiterbildungscurriculum WECU zeigt bereits heute, dass moderne sektorenübergreifende Weiterbildung fachlich geboten ist. Ambulante Rotationen und Kooperationen zwischen Klinik und Praxis sind aus Sicht des Berufsverbands unverzichtbar geworden.
„Die Urologie liefert mit dem WECU-Curriculum bereits eine funktionierende Blaupause für intersektorale Weiterbildung“, so der Vorstand des BvDU. „Was fehlt, sind verlässliche politische und finanzielle Rahmenbedingungen.“
Zukünftige fachärztliche Versorgung benötigt Weiterbildung – die Weichen müssen jetzt gestellt werden
Aus Sicht des BvDU entsteht aktuell ein gefährliches strukturelles Ungleichgewicht: Die stationäre Weiterbildung verliert kontinuierlich Inhalte und Kapazitäten, während die ambulante Weiterbildung weder finanziell noch strukturell ausreichend ausgebaut wird.
Kritisch bewertet der Verband insbesondere die aktuellen Förderbedingungen nach § 75a SGB V. Die Zahl geförderter fachärztlicher
Weiterbildungsstellen sei deutlich zu gering. Eine strukturelle Koordination und regelmäßige Evaluation ist im (gebiets-)fachärztlichen Bereich nicht rechtlich bindend verankert oder finanziert. Zudem würden spezialisierte ambulante Strukturen, vielfach nicht als förderfähige Weiterbildungsstätten anerkannt – obwohl dort besonders häufig zentrale Inhalte wie medikamentöse Tumortherapie oder operative Basiseingriffe vermittelt werden.
Hinzu kommen erhebliche wirtschaftliche Belastungen weiterbildender Praxen. Umfragen des BvDU und der DGU belegen, dass fehlende Finanzierung das größte Hemmnis für die Beschäftigung von Ärztinnen und Ärzten in Weiterbildung darstellt. Gesetzliche Eingriffe, wie die Kürzung extrabudgetärer Vergütungen, verschärfen die Situation zusätzlich. Ein zusätzliches Problem stellen bürokratische Hürden bei den Weiterbildungsbefugnissen und dem Aufbau von Weiterbildungsverbundstrukturen sowie der Vertragsgestaltung dar.
Die Konsequenzen sind aus Sicht des Berufsverbands erheblich. Für Urologinnen und Urologen drohen zunehmender Nachwuchsmangel und steigende Arbeitsbelastung. Für niedergelassene Kolleginnen und Kollegen ergeben sich zudem absehbar Probleme bei der Praxisnachfolge. Für Patientinnen und Patienten bedeutet ein Fehlen fachärztlich ambulanten Nachwuchses in der Folge längere Wartezeiten und eklatante Engpässe bei wohnortnaher Versorgung.
Der BvDU fordert vom Gesetzgeber und der ärztlichen Selbstverwaltung grundlegende Reformen der fachärztlichen Weiterbildung. Dazu gehören ein deutlicher Ausbau der ambulanten Weiterbildungskapazität, eine sektorgleiche und unabhängige Weiterbildungsförderung, Bürokratieabbau bei Förderzusagen und der Befugniserlangung, sowie strukturelle Unterstützung für den Ausbau regionaler Weiterbildungsverbünde zwischen Kliniken, Praxen und MVZ.
„Die urologische Versorgung findet längst sektorenübergreifend statt – die Weiterbildung muss dieser Realität endlich folgen“, erklärt der BvDU-Vorstand. „Ohne entschlossene politische Maßnahmen drohen erhebliche Versorgungsengpässe und ein nachhaltiger Qualitätsverlust in der fachärztlichen Versorgung. Ambulantisierung und Weiterbildung gehen nur miteinander.“
