Du betrachtest gerade Heißes Eisen Patientensteuerung: Verbrennungsgefahr auch mit gut isolierter Zange

Heißes Eisen Patientensteuerung: Verbrennungsgefahr auch mit gut isolierter Zange

In Zeiten knapper finanzieller und personeller Ressourcen ist die Steuerung der Patientinnen und Patienten aus Sicht des BvDU das entscheidende Thema, für das bald eine Lösung gefunden werden muss. Da hierdurch alle bestehenden Strukturen in Umbruch gelangen mit Beteiligung aller Akteure in der Selbstverwaltung, ist das Eisen so heiß, dass es von Vielen mit keiner noch so gut isolierten Zange angefasst werden mag.

Einer Umfrage zufolge sind zudem immer mehr Menschen unzufrieden mit dem deutschen Gesundheitssystem. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Befragung des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag der Techniker Krankenkasse (TK). Fast jeder Zweite (47 Prozent) gab demnach an, weniger zufrieden oder unzufrieden zu sein. 40 Prozent zeigten sich zufrieden, 12 Prozent vollkommen oder sehr zufrieden. Immer mehr Menschen haben das Gefühl, dass sie für immer weiter steigende Beiträge keinen angemessenen Gegenwert mehr bekommen, zum Beispiel, wenn sie lange auf Arzttermine warten müssen. Die Unzufriedenheit mit dem System hat sich seit 2021 fast verfünffacht.

Durch die Neugestaltung der Kliniken im Zuge der weiterschreitenden Ambulantisierung müssen auch im ambulanten Bereich zukunftsfeste Strukturen der ambulanten Versorgung erlangt werden, bei auskömmlicher Honorierung der ambulant erbringenden Versorger.

Patientinnen und Patienten können zum Teil direkt beim Hausarzt final versorgt und behandelt werden. Falls nicht, müssen sie schnellstmöglich an den richtigen Facharzt gelangen. Da beides aktuell nicht gesichert ist, nehmen sie den Weg in die Notaufnahme mit ungezielten und unnötigen Patientenkontakten. Je nach Definition und Untersuchungsmethode liegen diese unnötigen Besuche zwischen 20% und 50%.

Auf Grundlage der anstehenden Notfallreform müssen erste Strukturen für eine moderne Versorgungssteuerung etabliert werden. Terminservicestellen und Ersteinschätzungsverfahren müssen zentrale Anlauf- und Kontaktstellen werden.

Agieren anstelle reagieren, gestalten anstelle gestaltet werden

Das BvDU-Schwerpunktthema auf dem DGU-Kongress „Agieren anstelle Reagieren: Neustart im Gesundheitswesen“ gilt gerade für das komplexe Thema der Patientensteuerung / einem Primärarztsystem. Ärztinnen und Ärzte, alle Akteure in der Selbstverwaltung, müssen gestalten, bevor es andere tun und bevor wir selbst gestaltet werden. Wir müssen selbst definieren, wie gute Steuerung aussieht, um die Struktur der ambulanten Versorgung zukunftsfest zu machen. Patienten-Kontakte müssen gezielt sein, ohne den Anspruch auf umfassende medizinische Betreuung aufzugeben. Weniger, dafür gezielte Arzt-Patienten-Kontakte sind das Ziel. Die vertragsärztliche Versorgung beträgt seit Jahren nur rund ein Sechstel der Gesamtausgaben im Gesundheitswesen. Die Mehrausgaben in den GKV-Finanzen gehen zu Lasten steigender Kosten für Personal, Arzneimittel und Krankenhausbehandlungen, die sich nicht im gleichen Maße durch höhere Einnahmen ausgleichen lassen. Auch die aus Sicht des BvDU nicht weiter tragbare Finanzierung versicherungsfremder Leistungen im Rahmen der Bürgergeldversicherung sorgt für weiter steigende Ausgaben.

Eine Reduktion von Leistungen im Rahmen einer Patientensteuerung kann und darf aus Sicht des BvDU nicht das Ziel sein. Der Berufsverband bezweifelt zudem, dass Kosten eingespart werden können, wie viele hoffen. Es wäre schon sehr viel gewonnen, mit dem gleichen Geld eine bessere Versorgung zu bekommen und die vorhandenen Ressourcen gezielt einzusetzen.

Haus- und Fachärztinnen und -ärzte müssen an einem Strang ziehen und in konstruktivem Miteinander eigene Modelle entwickeln. Das Ziel muss ein System sein, das für Patienten und Ärzte gleichermaßen funktioniert. Und besser funktioniert als bisher.

BvDU-Position

In seinem Beitrag „Verbindliches Primärarztsystem: Die Hausärzteschaft wird an Ihre Grenzen kommen“ in der Urologie 9/2025 fordert der BvDU diese Voraussetzungen für ein Primärarztsystem:

  1. Die Qualität der Versorgung für Erkrankungen, die der Fachärzteschaft zuzuordnen sind, darf sich in einem Primärarztsystem nicht verschlechtern.
  2. Die Fachärzte müssen die Hoheit über die fachärztlichen Behandlungsfälle behalten.
  3. Es müssen klare Schnittstellen zwischen Primärarzt zum Facharzt und zurück definiert werden.
  4. Selektivverträge können nur als Hausarzt-Facharzt-Verträge geschlossen werden. Hierbei kann das Modell aus Baden-Württemberg Vorbildwirkung entfalten.
  5. Die fachärztliche Versorgung ist vollständig zu entbudgetieren.
  6. Ein Direktzugang zu urologischer Versorgung für definierte Notfälle, Tumorpatienten und Leistungen zur Früherkennung muss garantiert sein.
  7. Die Steuerung für Versicherte muss verbindlich festgelegt sein.

Quellen: BvDU, Ärztenachrichtendienst (änd)