Die Verordnungen sowohl von PDE-5-Hemmern (z. B. Sildenafil), wie auch Testosteron-Präparaten, haben in den letzten Jahren zugenommen. Allerdings aus unterschiedlichen Gründen und mit unterschiedlicher Dynamik.
Besonders bei Testosteron erscheint die Nachfrage Lifestyle-getrieben zu sein mit einer erwarteten Zunahme an Energie, Leistungsfähigkeit und Körperkomposition.
Testosteron
Eine vom BfArM im Herbst 2025 initiierte Studie über die Verordnung testosteronhaltiger Arzneimittel verursachte Aufruhr. In der Studie ergaben sich Hinweise, die auf die Anwendung außerhalb der zugelassenen Indikation hindeuten könnten. Testosteronhaltige Arzneimittel sind zur Testosteronersatztherapie bei männlichem Hypogonadismus zugelassen, sofern ein Testosteronmangel sowohl klinisch als auch labordiagnostisch nachgewiesen wurde. Von 2009 bis 2021 wurde in der Studie insgesamt ein starker Anstieg der Verordnungsprävalenz beobachtet. Am höchsten war dieser bei den 20- bis 29-Jährigen zu verzeichnen. Darüber hinaus fand sich über alle Altersgruppen hinweg bei etwa einem Drittel der Jungen/Männer mit einer Erstverordnung keine Diagnose in den Abrechnungsdaten, die auf eine zugelassene Indikation hinweisen könnte. Bei denjenigen mit einem Code für Hypogonadismus wurden in den Abrechnungsdaten nur bei etwa 60 Prozent die gemäß Fachinformation erforderlichen zwei Messungen des Serum-Testosteronspiegels dokumentiert.
Einordnung der Ergebnisse der Studie durch den BvDU
Die Studie beruht auf den Daten gesetzlicher Krankenkassen. 25 % der vermutlichen Gesamtdaten werden hochgerechnet auf die Allgemeinheit der Versicherten.
In der Studie fand keine Berücksichtigung, dass Hypogonadismus (Testosteronmangel) als Krankheit neu anerkannt bzw. ins Bewusstsein der Ärztinnen und Ärzte gerückt ist und deshalb auch vermehrt behandelt wird. Hieraus ist der Anstieg in der Altersgruppe älterer Männer ableitbar.
Der Anstieg in der Gruppe junger Männer kann ebenfalls hierdurch begründet sein. Diese Gruppe an Patienten wird häufig bei seiner Hausärztin/seinem Hausarzt als Erstbehandler vorstellig, ohne Überweisung an Urologinnen und Urologen. Eine hausärztliche Behandlung ohne weitere andrologische Abklärung könnte erklären, warum oftmals nur eine einmalige Verordnung von Testosteron durchgeführt wurde.
Der in der Studie geäußerte Anfangsverdacht einer Verordnung ohne zugrundeliegende Erkrankung und Diagnose findet auf Basis der gültigen Leitlinie keine Grundlage.
Laut Leitlinie erfolgt die Verordnung testosteronhaltiger Arzneimittel nach Durchführung von zwei unabhängigen Blutentnahmen zur Erstellung der Diagnose, dass das Hormon Testosteron fehlt.
Der Berufsverband begrüßt die Studie des BfArM und hofft auf weitere, die folgen werden. Die missbräuchliche Anwendung von Testosteronpräparaten darf nicht durch Ärzte oder Ärztinnen unterstützt werden. Der in der Studie geäußerte Anfangsverdacht müsste durch weitere Studien mit valideren Datensätzen erhärtet werden, da die Hochrechnung des Datensatzes nicht ausreichend valide für die Ableitung einer Zunahme erscheint.
Telemedizinische Lifestyle-Verordnung
Durch den Eingriff von Testosteron in den Hormonstoffwechsel mit möglichen irreversiblen Folgeschäden für Patienten sind telemedizinische Verordnungen ohne ausreichend erfolgte Diagnostik und Indikation unbedingt zu unterbinden. Vor allem junge Männer gefährden sich, getriggert durch die Darstellung angeblicher Ideale in sozialen Medien, durch die Einnahme der als harmlos empfundenen Hormongabe.
Grundsätzlich zieht ein nicht leitliniengerechtes Verhalten Prüfverfahren und Regressforderungen nach sich, so dass das Eigeninteresse jeder Ärztin und jedes Arztes grundsätzlich ein leitlinienkonformes Verhalten ist.
PDE-5-Hemmer
Der deutliche Anstieg von PDE-5-Hemmern ist gekennzeichnet durch einen günstigen Preis, die Verfügbarkeit und eine Entstigmatisierung, die in den letzten Jahren stattfand.
Sildenafil ist unter anderem in dem bekannten Präparat Viagra enthalten. Wichtigste Indikation für die Einnahme ist die erektile Dysfunktion, die ein Frühwarnsymptom für Herz-Kreislauf-Erkrankungen darstellt und daher einer diagnostischen Abklärung bedarf. Neben schweren Herz-Kreislauferkrankungen zählen unter anderem Hypotonie, schwere Leberinsuffizienz und erblich bedingte Retinaerkrankungen zu den Kontraindikationen.
2023 hatte der Sachverständigen-Ausschuss für Verschreibungspflicht des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) über die Entlassung aus der Verschreibungspflicht von Sildenafil 25 mg zur oralen Anwendung beraten und sich in seinem Votum für den Bestand der Rezeptpflicht ausgesprochen. Damit folgte das Gremium den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Urologie e. V. (DGU) und des Berufsverbands der Deutschen Urologie e.V. (BvDU). Nach Überzeugung des BvDU muss Sildenafil rezeptpflichtig bleiben. Durch den freien Zugang zu PDE 5 Hemmern würden nicht nur die Kontraindikationen, sondern auch die Risiken bzw. Begleiterkrankungen des individuellen Patienten und deren Behandlungsbedürftigkeit nicht erkannt.
Auch bei der Verordnung von PDE-5-Hemmern entscheidet die medizinische Indikation.
Beide Themen, allgemein Männergesundheit, sind eine ganz besondere Thematik. „Sexualität ist Teil einer Welt, die immer schöner, perfekter und nach außen hin glänzender wird.“ Was nicht funktioniert, soll optimiert werden. Auch die Sexualität. Das ist der Boden, auf dem Irrtümer wachsen und Scham entsteht,“ so der BvDU-Präsident Dr. Axel Belusa im Rahmen seines Experten-Vortrags in einem bereits stattgefundenen Tagesspiegel-Forum zum Thema „Erektile Dysfunktion entstigmatisieren und Versorgung verbessern“.
„Bevor ein Mann den Weg zum Arzt findet, hat er ausgiebig gegoogelt, unzählige Tipps von guten Freunden gehört und sich oft auch PDE-5-Hemmer besorgt. Die betroffenen Männer können in zwei Gruppen eingeteilt werden: in Männer ab 50 Jahren und die Gruppe jüngerer Männer. Bei 80 Prozent der Betroffenen, meist über 50 Jahre alt, stehen krankheitsbedingte Ursachen im Vordergrund, wie Bluthochdruck, Stoffwechsel- und Organerkrankungen, Diabetes, Erkrankungen des Zentralnervensystems, Multiple Sklerose, Operationen wie Tumoroperationen, Medikamentennebenwirkungen, sowie Risikofaktoren des Lebens, etwa falsche Ernährung, Übergewicht, Bewegungsmangel, Alkohol oder Nikotin.
Bei den Jüngeren zeigen sich oft psychische Ursachen, Stress im Beruf und in der Schule, Leistungsdruck, Konflikte in der Partnerschaft, Angsterkrankungen, Versagensängste, Depressionen, Persönlichkeitsstörungen. Aber auch die Risiken unserer westlichen Lebensweise, wie Alkohol, Übergewicht, Nikotin und Drogen, können auch bei jungen Männern Gründe sein. Jüngere Männer sind oft wenig aufgeklärt und entsprechend verunsichert. Auch die permanente Verfügbarkeit von Pornografie ist eine Herausforderung. Was folgt, ist ein Straucheln im „Nirwana der unendlichen Möglichkeiten“.
BvDU-Position
Männergesundheit muss in den Fokus rücken mit Themen, wie gesunder Ernährung oder gesundem Lebensstil -. Aber auch bestimmte Einstellungen sind kritisch zu überprüfen. Hier eine Änderung zu erreichen, erfordert das Zusammenwirken vieler fachärztlicher Gruppen und der Gesundheitserziehung – natürlich neben der Behandlung von Grunderkrankungen.
Der BvDU fordert, die Vorsorge-Lücke zwischen der U-16 Untersuchung und dem Check-up 35 zu schließen, so dass auch junge Männer zum Arzt gehen, um zu checken, dass alles in Ordnung ist. Auf Initiative der Deutschen Gesellschaft für Urologie und des Berufsverbandes wurde die „Jungensprechstunde“ ins Leben gerufen, um jungen Männern die Scheu zu nehmen, sich zum einen selbst untersuchen zu können zur Früherkennung, als auch deutlich zu machen, wann der Weg zum Urologen angeraten ist.
